Begegnen

Der Betrachter begegnet den hoch aufragenden Frauenfiguren und dem Gehenden Mann unterschiedlich. Während jene als unnahbares Gegenüber erscheinen, nähert man sich diesem eher mit Empathie, man fühlt seinen tastenden Gang nach, man identifiziert sich mit ihm. Das Begegnen gehörte für Giacometti wesentlich zum Menschsein. Mehrere Skulpturen zeigen als Inhalt, was Giacometti nach der Rückkehr zum Modellstudium 1949 täglich als künstlerische Arbeit erleben wird und was der Betrachter seiner Werke erfahren soll: die quasi lebendige Präsenz des Gegenübers. Weniger dem Existentialismus Sartre’scher Prägung, bei dem ein völlig auf sich selbst zentriertes und folglich vereinsamtes Ich vom «Andern» primär bedroht wird, entspricht diese Wahrnehmungs-Situation, als dem im Körper verankerten dialogischen Bezug von Ich und Welt der Phänomenologie Merleau-Pontys. Das Käfig kann so als modellhafte Darstellung des phänomenologischen Realismus Giacomettis verstanden werden: der aus dem Quader wachsende Kopf eignet sich als Selbstbewusstsein in dem eigenen, vom Gestänge umrissenen Vorstellungsraum das als Statuette wiedergegebene Bild der begegnenden Wirklichkeit an.

Dem in sich Hineinnehmen des Äusseren entspricht umgekehrt das in die Welt Hinausschweifen des Sehens, des Wahrnehmens. In den Vier Figuren auf einer Basis veranschaulicht Giacometti vier Frauen klein in weiter Ferne, jenseits des perspektivisch fliehenden, gleissenden Parketts. Das eigentliche Thema ist die visuelle und affektive Beziehung von Künstler oder Betrachter zur erblickten Wirklichkeit, vermittelt durch die Gestaltung des Sockels. Den Höhepunkt dieser Werkreihe bildet Der Wagen. Die doppelte Bewegung des Wahrnehmungsprozesses, die Spannung zwischen sich offenbarender Annäherung und dem entziehenden Zurückweichen des letztlich nicht ausschöpfbaren Gegenübers, findet in der Metapher des Wagens einen vollendeten bildlichen Ausdruck. Dieses geräthafte, halb schwebende Sockelgebilde markiert die Schwelle von der Sphäre der Figur zu der des Betrachters. Es erhöht die Erscheinung der archetypischen Frau zur Epiphanie.

Giacometti Annette

Annette, 1951

Öl, 81 x 65 cm

Giacometti Diego auch chandail

Diego au chandail (Diego im Pullover), 1953

Bronze, Höhe 49 cm

Giacometti Grande tete de Diego

Grande tête de Diego (Grosser Kopf Diego), 1954

Bronze, Höhe 65 cm

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