Biographie

1901
Alberto Giacometti wird am 10. Oktober 1901 im Bergbauerndorf Borgonovo bei Stampa (Kanton Graubünden) im schweizerischen, italienisch sprechenden Bergell geboren. Sein Vater ist der nachimpressionistische Maler Giovanni Giacometti (1868-1933), als Künstler geprägt von Segantini, Cézanne und van Gogh; seine Mutter Annetta Giacometti-Stampa (1871-1964) gehört zu den begüterten Familien des Tals. Der fauvistische Maler Cuno Amiet, ein enger Freund des Vaters seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in Paris, ist sein Taufpate. Der für die schweizerische und auch europäische Malerei im Übergang zur Ungegenständlichkeit bedeutsame Symbolist Augusto Giacometti (1877-1947) ist ein Vetter zweiten Grades beider Eltern.

1902
Geburt des Bruders Diego, der von 1925 an in Paris Albertos Leben und Arbeit teilt, ihm auch über fünfzig Jahre immer wieder Modell sitzt. Nach ersten Versuchen in den dreissiger Jahren entwickelt er seit dem Krieg seine eigene kunsthandwerkliche Produktion von Möbeln und Ausstattungsgegenständen. Er stirbt 1985.

1904
Geburt der Schwester Ottilia. Im Oktober zieht die Familie nach Stampa in eine Wohnung in dem von Giovannis Vater betriebenen Gasthaus Piz Duan.

1906
Im April Bezug der Wohnung im ersten Obergeschoss eines alten Hauses schräg gegenüber, die die Eltern sorgfältig ausstatten. Giovanni Giacometti baut den Heuboden eines nahen Stalls zum Atelier aus. Neben der Landschaft sind Annetta, die Kinder und das Familienleben die Themen seiner Bilder.

1907
Geburt des Bruders Bruno; der Maler Ferdinand Hodler (1853-1918) ist sein Taufpate.
Den Sommer verbringt die Familie stets in Maloja, die zu Stampa gehörende Maiensäss auf der Passhöhe zum Engadin; im Weiler Capolago gegenüber dem mondänen Palace-Hotel Kurhaus besitzt ein Onkel von Annetta ein Haus, das sie 1909 erbt.

1911-1915
Fast aus jedem Jahr von Giacomettis Kindheit sind Farb- und Bleistiftzeichnungen überliefert, die er seinem Paten Cuno Amiet schickt. Sorgfältige Kopien alter Meister zeugen früh von Albertos intensivem Studium der Kunstbücher seines Vaters. 1913 malt er sein erstes Ölbild im Atelier seines Vaters, ein Apfelstilleben auf einem Klapptisch. Nach den Weihnachtstagen 1914 modelliert er in Plastilin die Köpfe von Diego und Bruno.

1915-1919
Vom 30. August 1915 bis zum 7. April 1919 ist Giacometti Internatsschüler der Evangelischen Lehranstalt in Schiers bei Chur, wo ihm ein kleines Atelier eingerichtet wird. 1918 entstehen hier und zu Hause bereits meisterhafte Zeichnungen.

1919
Frühjahr und Sommer verbringt Giacometti in Stampa und Maloja, wo er vom Vater gefördert zeichnet und in divisionistischem Stil malt. Im Herbst beginn er das Kunststudium in Genf an der Ecole des Beaux-Arts (Kunstakademie) und an der Ecole des Arts Industriels (Kunstgewerbeschule) mit mässiger Begeisterung. Das Malen (bei David Estoppey, 1862-1952, einem Pointillisten) fällt ihm leicht, und beim Modellieren lässt ihn der Bildhauer Maurice Sarkissoff (1862-1946, ein «Moderner» zwischen Rodin und Archipenko) gewähren.

1920
Ende März verbringt Giacometti etwa zehn Tage bei Cuno Amiet in Oschwand. Im Mai nimmt Giovanni, Mitglied der eidgenössischen Kunstkommission, Alberto zur Biennale nach Venedig mit. Er entdeckt Jacopo Tintoretto. Doch kurz darauf relativieren Giottos Fresken in der Arena-Kapelle zu Padua in ihrer plastischen Kraft die ausschliessliche Bewunderung für Tintorettos Raumvisionen. Vom Spätsommer an arbeitet Giacometti wieder in Genf, bevor er Mitte November nach Florenz aufbricht. Er erhält seine Haupteindrücke im Archäologischen Museum; ein ägyptischer Kopf aus der Zeit der 18. Dynastie beeindruckt ihn als die erste Skulptur, (so wird er später schreiben) die «lebensähnlich» wirkt. Über Perugia und Assisi, wo ihn Cimabue fasziniert, fährt Giacometti nach Rom und trifft dort am 21. Dezember ein.

1921
In Rom wohnt Giacometti in der Familie eines Vetters seiner Eltern, Antonio Giacometti. Er verliebt sich in das älteste der sechs Kinder, die fünfzehnjährige Bianca; beim Versuch, eine Büste nach ihr zu modellieren, stösst er auf unerwartete Schwierigkeiten. Er bezieht ein kleines Atelier in der Via Ripetta, besucht Museen und Kirchen und zeichnet nach den alten Meistern. Er hört Opern und Konzerte und liest antike und moderne Autoren, die ihn zu Zeichnungen inspirieren. Ende März oder Anfang April reist er nach Neapel, Paestum und Pompeji. Im Juli kehrt er nach Maloja zurück.
Am 3. September fährt Giacometti mit dem 61jährigen Staatsarchivar Pieter van Meurs aus Den Haag nach Madonna di Campiglio. Am folgenden Tag leidet van Meurs an Nierenstein-Koliken; in der Nacht zum 5. September stirbt er. Giacometti wird die Agonie und die plötzliche Tatsache des Todes nie vergessen und nie mehr ohne Licht schlafen. Am 6. September reist er nach Venedig weiter und kehrt am 10. September nach Stampa zurück.

1922
Am 9. Januar trifft Giacometti in Paris ein. Er schreibt sich für das Aktzeichnen und in der Bildhauerklasse von Antoine Bourdelle (1861-1929) an der Académie de la Grande Chaumière ein. Bourdelles Unterricht besteht in wöchentlichen Korrekturlektionen mit langen Vorträgen des Meisters inmitten der Modellierböcke. Giacometti besucht die Académie bis 1926, wenn er auch monatelang fernbleibt. Vom August bis Oktober absolviert er die Rekrutenschule der Gebirgsinfanterie in Herisau. Giacometti kehrt in den ersten Pariser Jahren jeweils für viele Wochen ins Bergell zurück.

1923-1924
Zentrum des Pariser Künstlerlebens in den «goldenen Zwanzigerjahren» ist das Montparnasse-Quartier. Hier malt und zeichnet er einen ganzen Winter lang einen Schädel.
In Paris verkehrt er vorerst viel mit Basler und Schweizer Künstlern, darunter Serge Brignoni, mit dem ihn das Interesse an Stammeskunst und für den sich ab 1924 manifestierenden Surrealismus verbindet. Er mietet an der Rue Denfert-Rochereau 77 ein geräumiges Atelier.

1925
Im Januar bezieht Giacometti sein zweites, etwas kleineres Pariser Atelier in der Rue Froidevaux 37 mit Fenster auf den Montparnasse-Friedhof. Diego übersiedelt im Februar nach Paris.
Der Bekanntenkreis an der Académie de la Grande Chaumière erweitert sich um Künstler aus Italien und Skandinavien und wenige Franzosen, darunter Pierre Matisse, den Sohn von Henri Matisse, der die Künstlerkarriere bald aufgeben und ein prominenter Kunsthändler in New York werden wird. Mit der 25jährigen Amerikanerin Flora Mayo verbindet ihn bis 1929 ein problembeladenes Verhältnis.
Im Sommer Krise beim Modellieren nach dem Kopf der Mutter in Maloja.
Im November stellt Giacometti im Salon des Tuileries erstmals aus: neben einem Kopf eine frühe Fassung des Torso, der den Übergang zur kubistischen Formgebung markiert. Im gleichen Monat beteiligt er sich an der Exposition des Artistes Suisses in Paris.

1926
Die Auseinandersetzung mit dem Kubismus und der Stammeskunst führen im Winter 1926/27 zum ersten Hauptwerk, der Löffelfrau. Im Salon des Tuileries zeigt Giacometti Mann und Frau und eine Büste.
Anfangs Dezember bezieht er das Atelier von 4,75 x 4,90 m in der Rue Hippolyte-Maindron 46 mit gemeinsamem Wasserhahn und Abort im Hof. Hier wird Alberto Giacometti bis zuletzt arbeiten. Diego schläft auf der Empore, während Alberto unten im Werkraum oder im nahegelegenen Hotel Primavera nächtigt.

1927
Im April zeigt er im Salon des Tuileries das Paar und die Löffelfrau, die zwischen einem Vogel von Brancusi und einer Skulptur von Zadkine steht.
Im Sommer entstehen in Stampa mehrere Büsten nach dem Vater. In dessen Ausstellung in der Zürcher Galerie Aktuaryus zeigt Alberto Gipsbüsten des Vaters, eines Bruders und eines jungen Mädchens.

1928
Im Februar 1928 beteiligt sich Giacometti mit sechs Skulpturen an der Ausstellung Artisti Italiani di Parigi. Giacometti gibt sich in Paris nun eher als Italiener statt als Schweizer aus.
Im Winter 1928/29 entwickeln sich aus der Reduktion der Köpfe nach den Eltern der Tête qui regarde und weitere Plattenskulpturen.

1929
Nachdem schon im Januar im Salon des Indépendants flache Skulpturen zu sehen waren, stellt Jeanne Bucher im Juni in ihrer Galerie mit Werken Campiglis zwei Plattenskulpturen Giacomettis aus: den Tête qui regarde und eine Figur. Diese finden nun unter Künstler und Literaten sofort grosse Beachtung und öffnen Giacometti die führenden avantgardistischen Kreise. Er wird mit André Masson, Hans Arp, Joan Miró, Max Ernst, Alexander Calder, Jean Lurçat, bald auch mit Pablo Picasso bekannt sowie mit surrealistischen Schriftstellern wie Louis Aragon und Georges Bataille. Auf Anregung des Kunstkritikers Carl Einstein schreibt der Dichter und Ethnologe Michel Leiris den ersten, bahnbrechenden Aufsatz über Giacometti in Batailles Zeitschrift Documents.
Der Kunsthändler Pierre Loeb schliesst einen Vertrag mit Giacometti, wonach er ein Jahr lang gegen ein Monatsgehalt dessen ganze Produktion übernimmt oder ausstellt und vermittelt.
Das Prinzip der Plattenskulpturen wird weiter variiert und in den filigranen Konstruktionen von Mann (Apollo), Liegende Frau und Träumende Frau weiterentwickelt. Der Kunstkritiker und spätere Kunstbuchverleger Tériade wählt im Herbst zwei Werke für die Exposition internationale de la sculpture in der Galerie Georges Bernheim aus. Im November und Dezember zeigt die Galerie Wolfensberger in Zürich unter dem Titel Production Paris 1929 auch Mann und Frau von Giacometti.
Die Bekanntheit Giacomettis führt zu neuen Beziehungen und Aufträgen; er beginnt Bestellungen für dekorative Objekte auszuführen, so für den Banquier Pierre David-Weill bronzene Feuerböcke und ein spinnenartiges Wandrelief. Er schlägt Diego, der inzwischen in Basel arbeitet, vor, nach Paris zurückzukommen und ihm dabei zu helfen.

1930
Beginn der Zusammenarbeit mit Jean-Michel Frank, der als «Ensemblier» Inneneinrichtungen für die elegantesten Kreise gestaltet, für die Giacometti die passenden «objets utilitaires» formt, Vasen, Lampen, Wandappliken. Für die Modeschöpferin Elsa Schiaparelli entwirft er Schmuckstücke.
Der wichtigste Mäzen der Surrealisten, der Vicomte de Noailles, erteilt Giacometti den Auftrag für eine grosse Skulptur in den Garten seiner 1925 von Robert Mallet-Stevens erbauten Sommerresidenz Saint-Bernard in Hyères an der Côte d’Azur.
Im Frühjahr veranstaltet Pierre Loeb in seiner Galerie Rue des Beaux-Arts 2 die Ausstellung Miró Arp Giacometti: Die Boule suspendue macht Furore im Zirkel um André Breton. Dieser besucht den Künstler und fordert ihn auf, sich seiner Surrealisten-Gruppe anzuschliessen. Giacometti nimmt bis zum Winter 1931/32 und wieder 1933 an ihren Manifestationen und Séancen teil, aber er unterwirft sich nie völlig Bretons Doktrin.
Im August formt er auf einer Alpwiese in Maloja drei gipserne Stelenfiguren als Maquetten für die «mysteriösen Personen» für Hyères. Giacometti will auf der Rückreise nach Paris den Standort im Garten der Villa Saint-Bernard prüfen und vollendet im Dezember im Modell die in eine grosse Statue zusammengezogene Figuration.

1931
Im Mai unterzeichnet Giacometti das Pamphlet der Surrealisten gegen die Exposition coloniale internationale. Vom 22. Mai bis 6. Juni zeigt die Galerie Pierre Loeb in der Ausstellung Où allons-nous? auch Werke Giacomettis, obwohl dieser im November des Vorjahres die Geschäftsverbindung gelöst und sich vom Kunsthändler Pierre Colle vertreten lässt.
Im Dezember erscheint in der dritten Nummer von Bretons Zeitschrift Le Surréalisme au Service de la Révolution Giacomettis erste Publikation Bewegliche und stumme Gegenstände (Objets mobiles et muets), gefolgt von Dalís Artikel über die Boule suspendue als Prototyp der surrealistischen Objekte.

1932
Giacometti wendet sich dem von Louis Aragon angeführten linken Flügel der Surrealisten zu und trägt bis 1935 ein paar klassenkämpferische, antiklerikale Karikaturen zu dessen Zeitschriften La lutte und Commune bei.
Im Mai veranstaltet die Galerie Pierre Colle Giacomettis erste Einzelausstellung. Picasso ist einer der ersten Besucher. Christian Zervos widmet Giacomettis Skulpturen in seiner Zeitschrift Cahiers d‘art einen mit etlichen Fotografien von Man Ray illustrierten Aufsatz.
Für die römische Gräfin Madina Visconti zeichnet er zwei grossformatige Ansichten seines Ateliers, die zugleich einen Überblick über seine bisherige Produktion geben. Im Mittelpunkt steht der Palais à quatre heures du matin.
In Stampa und Maloja modelliert er Büsten und malt Bildnisse des Vaters.

1933
Im Februar und März nimmt Giacometti an den von André Breton und Paul Eluard geleiteten Surrealisten-Sitzungen teil, an denen durch Suggestivfragen Experimentelle Forschungen zum unbewussten Wissen über einen Gegenstand getrieben werden, wie der Bericht darüber mit Giacomettis Antworten in der Mai-Ausgabe von Le Surréalisme au Service de la Révolution betitelt ist.
Aus der Ausstellung Exposition surréaliste der Galerie Pierre Colle kauft der Vicomte de Noailles am 20. Juni Giacomettis Der Tisch (La table). Mit Arp, Victor Brauner, Max Ernst, Magritte, Miró, Meret Oppenheim, Man Ray, Tanguy und anderen Surrealisten bestreitet Giacometti eine eigene Abteilung im Salon des Surindépendants, wo er eine auf fast zwei Meter vergrösserte Fassung von La cage ausstellt.
Am 25. Juni stirbt Giovanni Giacometti in der Privatklinik Valmont in Glion oberhalb Montreux. Alberto und Diego treffen am folgenden Tag dort ein. Alberto erkrankt und reist erst nach der Beerdigung des Vaters am 28. Juni ins Bergell, wo er im Wesentlichen bis Ende des folgenden Jahres bei der Mutter bleibt und mit dem Ordnen des Nachlasses und der Organisation von Ausstellungen Giovannis beschäftigt ist. Es scheint, dass mit dem Tod des Vaters Giacomettis Interesse an surrealistischen Objekten und Konstruktionen erlischt.

1934
Im Frühling weilt Giacometti mehrere Wochen in Paris und gestaltet den Cube, Tête-crâne (Kopf-Schädel) und L’Objet invisible (Der unsichtbare Gegenstand). Im Sommer meisselt er den Stein für das Grab seines Vaters im Friedhof San Giorgio zu Borgonovo: vorn zeigt er ein Relief mit Vogel und Stern, hinten erscheint er als Torso. In Maloja versucht er eine letzte surrealistische Figur zu formen: einen hohen Konus mit der Beschriftung 1 + 1 = 3. Er malt Portraits von Maria Fasciati, die Annetta im Haushalt hilft.
Vom 1. Dezember 1934 bis zum 1. Januar 1935 veranstaltet die New Yorker Galerie Julien Levy gleichzeitig mit einer Dalí-Präsentation Giacomettis erste, erfolglose Ausstellung in den USA.
1934 setzt die internationale Verbreitung des Surrealismus durch Überblicks-Ausstellungen ein, die stets Werke Giaco­mettis enthalten, ebenso wie die Präsentationen konstruktiver Kunst.

1935
Anfangs Januar kehrt Giacometti nach Paris zurück und setzt seine Studien realistischer Köpfe fort, zuerst ohne, dann mit Modell: dem Bruder Diego und dem Berufsmodell Rita Gueyfier.
Die Surrealisten betrachten diesen Wandel als Verrat: am 14. Februar wird Giacometti in einem Treffen der Gruppe von André Breton zur Rede gestellt: Giacometti beendet die Gerichtssitzung abrupt und verlässt den Zirkel. Durch die Exkommunikation verliert Giaco­metti die Verbindung zum Pariser Surrealismus und damit auch etliche Freunde, während er mit anderen, wie Aragon oder Max Ernst, in Kontakt bleibt. Er wendet sich anderen Künstlern zu: André Derain, Jean Hélion und den jüngeren, figürlich arbeitenden Malern Balthus, Francis Gruber, Tal Coat und Francis Tailleux.
Er trennt sich von Denise Maisonneuve, die seit 1930 seine Muse war. Gegen Ende Jahr lernt er die dreiundzwanzigjährige Engländerin Isabel Nicholas, ab 1936 Delmer, später Lambert, schliesslich Rawsthorne, kennen. Sie wird eine wichtige Freundin, von 1936 an auch Modell.
Im Sommer besucht ihn Max Ernst in Maloja und stellt aus Steinen vom Forno-Gletscher, die er nur geringfügig mit Farbe oder Meissel bearbeitet, einen Garten vor dem Haus zusammen.

1936
Giacometti führt seine einsame Arbeit an der Darstellung des Kopfes nach seinen wenigen, vertrauten Modellen weiter. Die grosse Cézanne-Ausstellung und die Kunst der alten Hochkulturen, nach der er intensive Kopien zeichnet, regen ihn an. Den Lebensunterhalt bestreiten Alberto und Diego weiterhin mit Objekten für Jean-Michel Frank.
Alfred Barr stellt in New York mehrere Werke von Alberto aus und erwirbt für das Museum of Modern Art den Palais à quatre heures le matin.

1937
Mit Samuel Beckett knüpft Giacometti im Café de Flore ein Gespräch an, das auf zahllosen, ziellosen Gängen durch die nächtlichen Strassen von Montparnasse bis zum Morgengrauen in langem, gemeinsamem Schweigen weitergeführt wird. Picasso sucht er im Guernica-Atelier an der Rue des Grands-Augustins auf.
Während die Schwierigkeiten beim Modellieren der Köpfe weiter gehen, gelingen ihm in Stampa die beiden Gemälde Apfel auf dem Buffet und Die Mutter des Künstlers, in dem er erstmals seine Vorstellung eines «phänomenologischen Realismus» realisieren kann.
Am 10. Oktober stirbt Ottilia nach der Geburt Silvios in Genf.
Eines Abends sieht Giacometti auf dem Boulevard Saint-Michel weit entfernt Isabel: auf dieses Erlebnis werden sich die Versuche beziehen, das Erscheinen der menschlichen Präsenz auf grosse Distanz in kleinen Skulpturen zu erfassen.

1938
Die Arbeit an den Köpfen wird am 18. Oktober durch einen Verkehrsunfall auf der Place des Pyramides für einige Wochen unterbrochen. Giacometti wird in der Rémy-de-Goncourt-Klinik vom Chirurgen Dr. Raymond Leibovici behandelt und am 26. Oktober mit der Auflage entlassen, den eingegipsten Fuss bis zur Ausheilung des Bruchs entsprechend zu pflegen. Giacometti unterlässt die Schonung und wird von nun an hinken. In der Klinik sah Giacometti den Rollwagen mit den klirrenden Medizinflaschen, auf den er die Skulptur Le chariot zurückführen wird.

1939-1941
Giacomettis Bildnisbüsten und Figuren sind nun noch nussgross. Sie sollen das Erinnerungsbild der Erscheinung eines Menschen in der Ferne wiedergeben; die zunehmend grösseren Sockel unter den immer kleiner werdenden Figuren sollen die Distanz vergegenwärtigen.
Im Mai beginnt in Zürich Schweizer Landesausstellung, für die ihm sein Bruder Bruno zwei Aufträge vermittelte. Auf den nach Albertos Angaben vorbereiteten kolossalen Sockel wird nach einer Stellprobe statt der von Paris mitgebrachten winzigen Skulptur der Cube von 1934 platziert.
Bei Kriegsausbruch am 1. September 1939 sind Alberto und Diego in Maloja. Sie rücken am 2. September zur Mobilisierung der Schweizer Armee nach Chur ein. Alberto ist dienstuntauglich. Mitte November ist Alberto, Ende Dezember auch Diego wieder in Paris.
Das tägliche und nächtliche Leben geht dort einstweilen seinen gewohnten Gang, wenn auch mehr und mehr Ausländer und viele Künstler Frankreich verlassen.
Peggy Guggenheim beginnt Arbeiten Giacomettis zu verkaufen und in New York auszustellen.
Im Mai 1940 vergräbt Giacometti seine Miniskulpturen in einer Atelierecke. Am 13. Juni - knapp vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Paris - schliessen sich Alberto, Diego und dessen Gefährtin Nelly dem allgemeinen Exodus nach Süden an: per Fahrrad, ohne Stock. Am nächsten Tag erleben sie vor Etampes die Bombardierung dieser Stadt und die Beschiessung des Flüchtlingszuges mit Maschinengewehren aus der Luft. Am 17. Juni erreichen sie Moulins, wo sie am 18. vom deutschen Vormarsch eingeholt werden. Sie kehren um und sind am 22. Juni zurück in Paris.
Jean-Paul Sartre spricht Giacometti im Café de Flore an. Er und seine Gefährtin Simone de Beauvoir erleben Giacometti als faszinierenden Gesprächspartner und als einen Künstler, der auf der »Suche nach dem Absoluten« ist, wie Sartre 1947 seinen Giacometti-Aufsatz betiteln wird.

1941 - 1945
Von Dezember 1941 bis September 1945 lebt und arbeitet Giacometti in Genf. Er wohnt zuerst bei seinem Schwager Dr. Francis Berthoud, wo Annetta ihren einzigen Enkel Silvio anstelle der 1937 bei der Geburt gestorbenen Ottilia aufzieht. Dann mietet er ein spärlich möbliertes Zimmer ohne fliessendes Wasser. Täglich besucht er die Mutter. Giacometti macht für den kleinen Silvio Zeich­nungen und lässt ihn Modell stehen. Die Figürchen und Köpfchen werden noch kleiner, die Sockel noch grösser.
Im Café Commerce trifft Giacometti regelmässig Albert Skira, der in seiner Vaterstadt einen Kunstbuchverlag aufbaut; vom Oktober 1944 bis Dezember 1946 publiziert er die Zeitschrift Labyrinthe, an der Giacometti sich mit Ideen, Zeichnungen und Texten beteiligt. Skira bezahlt den Künstler auch für dekorative Vasen, die er von ihm bestellt. Zur Gesprächsrunde gehören der Bildhauer Hugo Weber, die Maler Charles Rollier, Roger Montandon und zeitweise Balthus, der Fotograf Eli Lotar, der Schauspieler Michel Simon, der Philosoph Jean Starobinski und der Schriftsteller Ludwig Hohl; ein enger Freund wird der Geologe Charles Ducloz.
Die Sommermonate und einige Winterwochen verbringt Giacometti in Stampa und Maloja. Hier gestaltete er 1942/43 die einzige grosse Plastik dieser Jahre: La femme au chariot (Die Frau auf dem Wagen), sie erinnert deutlich an Isabel.
Im Oktober 1943 lernt er die junge Annette Arm (1923-1993) kennen. Sie ist voller Lebenslust und will sich aus dem Elternhaus lösen. Nach der Befreiung von Paris im Sommer 1944 besorgt sich Giacometti die nötigen Papiere zur Rückreise, doch erst am 18. September 1945betritt Giacometti nach mehr als drei Jahren sein Pariser Atelier wieder, das Diego inzwischen gehütet hatte. Die Arbeit geht weiter. Die Lebensumstände sind schwierig. Bald trifft Giacometti in einem Café an den Champs-Elysées die aus London zurückgekehrte Isabel Nicholas.

1946
Im Winter 1945/46 hat Giacometti nicht nur seine einsame Arbeit, sondern auch sein geselliges Nachtleben in Montparnasse und nun auch in Saint-Germain-des-Prés wieder aufgenommen.
Die Figürchen bleiben zunächst winzig, doch im Februar trifft ihn während eines Kinobesuches ein intensives Erlebnis, das seine Wahrnehmung der Personen und Dinge im Raum zu visionsartiger Überdeutlichkeit steigert. Gleichzeitig führt ihn das Zeichnen von Passanten auf der Strasse zu den überlängten Figuren, die seinen reifen Stil kennzeichnen; 16 Seiten Abbildungen in Cahiers d’Art machen diesen Übergang bekannt.
Von Aragon initiierte Denkmalprojekte, u.a. für Gabriel Péri mit einem ersten, noch ägyptisierenden Homme qui marche (Gehenden Mann), kommen nicht über Entwürfe hinaus. Einige der neuen Zeichnungen werden in der Galerie Pierre Loeb ausgestellt.
Über Ostern reist Giacometti nach Genf. Am 6. Juli trifft Annette in Paris ein. Sie lernt die Künstler und Dichter um Giacometti kennen und arrangiert sich mit den ausserordentlich kargen Lebensumständen in der Rue Hippolyte-Maindron.

1947
Giacomettis neue Figurengestalt verdichtet sich zum «Giacometti-Stil» der stabdünnen Figuren: Stehende Frauen in hieratischer Frontalität, Schreitende Männer als Hieroglyphen des Gehens. Die aufgerissene Modellierung entwickelt sich aus den Fragment-Skulpturen, wie Der Hand.
Das Angebot von Pierre Matisse, für eine Einzelausstellung Bronzen zu giessen und erstmals einen Katalog zu machen, fördert Albertos Produktivität sehr. Gegen Ende des Jahres beschreibt er in einem achtseitigen, mit Werkskizzen durchsetzten autobiographischen Brief seine künstlerische Laufbahn.

1948
Vom 19. Januar bis zum 14. Februar sind in der Pierre Matisse Gallery in New York zum ersten Mal die neuen Werke zu sehen. Der Katalog enthält Fotografien von Patricia Echaurren Mattà (bald Mrs. Matisse), Sartres Aufsatz »The Search for the Absolute« und Giacomettis autobiographischen Brief mit Werkliste. Von dieser Ausstellung geht Giacomettis Nachkriegsruhm in den angelsächsischen Ländern aus.
Mit dem Platz setzen die mehrfigurigen Kompositionen ein.
Giacometti mietet neben seinem Atelier einen weiteren Raum als bescheidenes Schlafzimmer für sich und Annette. Sie sitzt ihm nun stundenlang Modell, vorerst für Gemälde.

1949
Der Ruhm des «neuen» Giacometti verbreitet sich in Paris. Der Händler Pierre Loeb veranlasst den Künstler, wieder Radierungen zu machen, u.a. für Publikationen der alten Freunde Tristan Tzara und Georges Bataille. Unter den neuen Freunden ist der Dichter Olivier Larronde, den er später wie andere durch Graphiken in den Vorzugsausgaben ihrer Bücher unterstützt.
Neben der Arbeit an den Skulpturen beginnt sich nun auch in der Malerei der reife Stil auszuprägen. Am 19. Juli werden Annette Arm und Alberto Giacometti auf dem Standesamt des 14. Arrondissements getraut. Von jetzt an kann Giacometti Annette zu seiner Mutter nach Stampa und Maloja mitnehmen und dort die Arbeit nach der Natur weiterführen.

1950
Neben Pierre Matisse bietet ihm nun in Paris die künstlerisch von Louis Clayeux geleitete Galerie von Aimé Maeght eine Ausstellung an. Giacometti schafft eine vielseitige Reihe von Kompositionen mit Einzelfiguren oder Figurengruppen in unterschiedlichen räumlichen Situationen.
Vom französischen Biennale-Kommissar aufgefordert, zusammen mit Henri Laurens auszustellen, reist Giacometti mit einigen Skulpturen nach Venedig, um sie in der französischen Abteilung aufzustellen. Als er dort sieht, wie Laurens’ Werke im Schatten von Ossip Zadkine präsentiert sind, packt Giacometti seine Figuren wieder ein.
Auf Anregung von Giacomettis Schierser Schulfreunden Lucas Lichtenhan und Christoph Bernoulli präsentiert Robert Stoll in der Kunsthalle Basel vom 6. Mai bis 11. Juni parallel zu einer Ausstellung von André Masson 15 Skulpturen, 10 Gemälden und 25 Zeichnungen Giacomettis. Der Direktor des Basler Kunstmuseums, Georg Schmidt, kauft mit Geld der Emanuel-Hoffmann-Stiftung den Platz und zwei Gemälde.
Im November findet die zweite Ausstellung in der Pierre Matisse Gallery in New York statt. Sie enthält 16 der komplexen Kompositionen von 1949 und 1950, die nun alle in Bronze gegossen sind und alle verkauft werden, zusammen mit sechs Gemälden und einer Zeichnung. Für den Katalog schreibt Giacometti den sogenannten «Zweiten Brief an Pierre Matisse»mit Bemerkungen zu ihrer Entstehung, von denen die seither gebräuchlichen Werktitel abgeleitet sind.

1951
Giacometti beginnt mit der Arbeit an Büsten Diegos eine neue Plastizität für seine Skulptur zu suchen.
Im Juni und Juli werden in der Galerie von Aimé Maeght erstmals in Paris die Nachkriegswerke gezeigt und etablieren auch in Europa seinen Ruhm. Maeght veranlasst Giacometti, Lithographien u.a. für seine Galeriezeitschrift Derrière le mirroir zu machen, vorerst Atelierdarstellungen mit Skulpturen. Michel Leiris trägt dazu den Text «Pierres pour un Alberto Giacometti»bei.
Im November besuchen Annette und Alberto Giacometti auf der Rückreise von Stampa in Nizza Henri Matisse und in Vallauris Picasso. Picasso und Giacometti haben sich inzwischen nur noch selten gesehen; die Begegnung führt zu einem bösen Wortstreit und beendet ihre Freundschaft.
Ein Angebot der Eidgenössischen Kunstkommission, sich 1952 an der Biennale in Venedig im neuen Schweizer Pavillon zu beteiligen, lehnt Giacometti ab.

1952-1953
Im Februar 1952 lernt der amerikanische Schriftsteller James Lord im Café Les Deux Magots Giacometti kennen. Zunehmend häufigere Besuche im Atelier und Gespräche im Kreis von Giacomettis Freunden sowie seine Freundschaft mit Diego machen ihn zu einem intimen Zeugen von Giacomettis Arbeit und Privatleben. Er führt darüber Tagebuch und beginnt das Material für seine umfassende, 1985 veröffentlichte Biographie zu sammeln.
Nach der Epoche der bedeutenden Nachkriegsskulpturen von 1947 bis 1950 wendet sich Giacometti der Aufgabe zu, Bildnisse nach der Natur so zu modellieren und zu malen, wie er die Köpfe der Modelle in genau markierter Distanz während stundenlanger Sitzungen vor sich sieht. Er ist bestrebt, von der Schmalheit wegzukommen. Er beginnt, Landschaften zu malen.
Ausstellungen zur «Kunst des 20. Jahrhunderts« schliessen von nun an fast ohne Ausnahme Werke Giacomettis ein: in London (Royal Academy of Arts; Battersea Park), in Paris (Musée d’art moderne), in Zürich (Kunsthaus), in Basel, in den USA (Wanderausstellung Sculpture of the 2Oth Century in Philadelphia, Chicago und New York 1952-1953), in Antwerpen und Hamburg (1953).
Das Institute of Contemporary Arts in London widmet Giacometti zwei Diskussionstagungen, deren treibende Kraft der kenntnisreiche Kunstkritiker David Sylvester ist. Giacometti porträtiert ihn - und auch den englischen Kunstkritiker Peter Watson.
Im November zeigt der Arts Club in Chicago eine Einzelausstellung.

1954
Im Frühjahr sucht der amerikanische Stahlmagnat G. David Thompson aus Pittsburgh Giacometti in seinem Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron auf. Für seine Sammlung moderner Kunst, die bedeutende Werkgruppen von Matisse und Picasso, Léger und Miró und zahlreiche Arbeiten von Klee umfasst, begann er 1953 von Pierre Matisse Skulpturen von Giacometti zu kaufen. Nun möchte er die grösste Giacometti-Sammlung zusammentragen und möglichst vom Künstler selbst erwerben. 1962 wird der Basler Kunsthändler Ernst Beyeler diesen bedeutenden Bestand übernehmen; 1965 wird mit ihm die Alberto Giacometti-Stiftung gegründet.
Giacometti lernt den Schriftsteller Jean Genet kennen; sie und werden sich nun während einiger Jahre oft sehen. Giacometti ist von Genets abenteuerlichem Charakter und Leben fasziniert, aber auch von dessen kahlem Rundkopf, den er zeichnet und malt. Genet wird 1957 die Aufzeichnungen Alberto Giacomettis Atelier publizieren.
Im Mai veranstaltet die Galerie Maeght in Paris ihre zweite Giacometti-Ausstellung, die neben neuen Skulpturen und Zeichnungen vor allem Gemälde enthält und Giacometti als ebenso bedeutenden Maler wie Bildhauer herausstellt.
Vom 30. Juni bis zum 7. Juli und erneut im September besucht Giacometti den bettlägerigen Henri Matisse in Nizza. Er zeichnet zahlreiche Bildnisse des luziden Greises, um eine von der französischen Münzstätte in Auftrag gegebene Medaille vorzubereiten. Matisse stirbt am 3. November.

1955
Die erste Giacometti gewidmete Museumsausstellung in Deutschland wandert mit 58 Werken vom Mai bis Oktober von Krefeld über Düsseldorf nach Stuttgart. Im Juni und Juli werden reichhaltige Retrospektiven gleichzeitig vom Arts Council in London, organisiert von David Sylvesters, und vom Solomon R. Guggenheim Museum in New York veranstaltet.
Am 8. November verabredet sich Giacometti im Café Les Deux Magots mit dem japanischen Philosophieprofessor Isaku Yanaihara, der für eine japanische Zeitschrift einen Artikel über Giacometti vorbereiten soll. Bei den folgenden häufigen Atelierbesuchen entsteht eine enge Freundschaft, die vom November 1956 an auch die Gattin des Künstlers einbeziehen und Yanaihara bis 1961 jährlich (ausser 1958) nach Paris zurückführen wird. Yanaihara zeichnet die Begegnungen und Ge­spräche in seinem Tagebuch auf; das er 1958 für seine auf Japanisch in Tokio erscheinende Giacometti-Monographie verwenden wird.

1956
Für seine Ausstellung im französichen Pavillon der Biennale in Venedig arbeitet Giacometti an einer etwas über einen Meter hohen stehenden Frauenfigur, die er in vielen Fassungen mit der gleichen Armatur und Tonmasse modelliert, und die Diego jeweils am anderen Morgen in Gips ausformt. Von den mehr als fünfzehn Zuständen dieser Frauen für Venedig (Femmes de Venise) werden später neun in Bronze gegossen.
Anfang Juni richtet Giacometti in Venedig neben sechs anderen Skulpturen die Frauen für Venedig in zwei Gruppen zu vier und sechs Figuren ein. Anschliessend reist er nach Bern, wo am 16. Juni in der Kunsthalle die von Franz Meyer organisierte Retrospektive beginnt.
Am 6. Oktober sitzt Isaku Yanaihara erstmals Giacometti Modell, zunächst für Zeichnungen, dann für Gemälde. Seine Abreise nach Japan wird wochenlang hinausgeschoben. Giacometti kommt mit dem Malen nicht zurecht. Er erlebt eine heftige «Krise», die bis 1958 dauern wird und zum letzten Stilumbruch mit einer neuen Auffassung der Wirklichkeit führt.

1957
In diesem Jahr organisieren Giacomettis Händler Aimé Maeght und Pierre Matisse den Guss zahlreicher früher entstandener Werke. Er ist nun nicht nur ein weltberühmter, sondern auch ein hoch bezahlter Künstler. Er gibt die Banknoten bündelweise an seine Mutter, seinen Bruder Diego, seine nächtlichen Bekanntschaften weiter, doch seiner Frau gönnt er nur geringe Bequemlichkeiten. Ein zweites Nebenzimmer wird im Barackenkomplex in der Rue Hippolyte-Maindron gemietet und dort ein Telefon angeschlossen. Seine eigenen Ansprüche und Lebensgewohnheiten ändern sich bis zu seinem Tod nicht im Geringsten. Seine erste und bis Mitternacht einzige Mahlzeit besteht am frühen Nachmittag aus hartgekochten Eiern und vielen Tassen Kaffee im Café-Tabac Le Gaulois an der Strassenkreuzung Rue d‘Alésia/Rue Didot. Nachts hat er seinen Tisch in der Coupole.
Giacometti sagt nun viele Ausstellungen ab, weil er die Probleme der Menschendarstellung noch nicht lösen kann: Büsten und Bildnisse, die das Einmalig-Individuelle des Hier und Jetzt mit der zeitlosen Allgemeinbe­deutung, wie sie etwa antike Bildwerke haben, verbinden.

1958
Der Architekt Gordon Bunshaft der Firma Skidmore, Owings & Merrill lädt Giacometti ein, für die Piazza vor dem im Bau befindlichen Wolkenkratzer der Chase Manhattan Bank in New York eine Skulptur zu schaffen. Endlich scheint der Auftrag für eine öffentliche Platzskulptur, für die «Komposition mit Figuren» in Aussicht zu stehen, den sich Giacometti seit 25 Jahren wünscht. Die «Krise» beim täglichen Modellieren und vor allem beim Malen der Bildnisse von Annette, Diego und Yanaihara findet ihre Lösung in Giacomettis nun beginnendem letz­ten Stil, der den Skulpturen ein kernhaftes Volumen und den Gemälden eine hieratische Würde verleiht.
Gegen Ende des Jahres lernt Giacometti in einer Bar eine zwanzigjährige Frau aus dem Ganovenmilieu kennen, die sich Caroline nennt. Von 1960 bis 1965 wird er zahlreiche Bildnisse nach ihr malen, die den Höhepunkt seiner neuen Darstellungsweise der Wirklichkeit bilden. Für Caroline nimmt Giacometti in seinen letzten Lebensjahren auch viele im Dunkeln bleibende Erlebnisse und grosse Geldausgaben auf sich. Die Beziehung belastet das Verhältnis zu Annette und Diego stark.

1959-1960
Von Februar 1959 bis in den Frühling 1960 arbeitet Giacometti an den grossen Figuren für die Chase Manhattan Plaza, die im April 1960 in Bronze gegossen werden, doch die Stellproben eines grossen Kopfes, eines gehenden Mannes und einer stehenden Frau befriedigen ihn nicht.
Im Sommer und Herbst 1959 ist Yanaihara wieder Giacomettis hauptsächliches Modell; 1960 modelliert er auch Bildnisbüsten nach ihm. Jacques Dupin und André du Bouchet erweitern den Kreis der Dichterfreunde. Neben Graphiken zu ihren Vorzugsausgaben entstehen von 1957 bis 1960 52 Radierungen zu Michel Leiris’ Text «Vivantes cendres, innommées».

1961
Samuel Beckett bittet Giacometti, das Bühnenbild für Jean-Louis Barraults Neuinszenierung von Warten auf Godot im Mai im Théâtre de l’Odéon zu entwerfen; ein karger gipserner Baum entsteht.
Auf Anregung des Verlegers Tériade beginnt Giacometti eine umfangreiche Serie von Lithographien mit Ansichten seines Pariser Lebensraums: das Atelier, die Strassen, die Cafés, die Fahrt in die Druckerei von Mourlot. Sie wird mit einem Text von ihm unter dem Titel Paris sans fin erst 1969 erscheinen.
Im August und September entstehen die letzten Bildnisse von Yanaihara.
Im Oktober besichtigt Giacometti in Venedig die Räume im Hauptgebäude der Biennale, in denen er im kommenden Jahr - von der Biennale-Leitung eingeladen, also ohne beson­dere nationale Zugehörigkeit - sowohl als Bildhauer wie auch als Maler ausstellen soll.

1962
Der Dichter Jacques Dupin, der für die Galerie Maeght arbeitet, bereitet mit Giacomettis Hilfe die erste Monographie vor. Reich illustriert, erscheint sie mit der Jahreszahl 1962 Anfang Mai 1963 bei Maeght. Seit 1951 hat Giacometti zwar viele Interviews gegeben und seine Werkentwicklung als autobiographisches Epos erzählt, was ihn schon zu Lebzeiten zu einer fast legendären Persönlichkeit gemacht hat, aber einer Buchveröffentlichung hat er sich widersetzt. Anfang Juni reist Alberto mit Diego zur Einrichtung der mostra personale an der Biennale nach Venedig. Er verändert unermüdlich die Platzierungen und Sockelhöhen der Skulpturen und präsentiert die Figuren der Chase Manhattan-Gruppe so, dass jede für sich allein und doch auch alle zusammen als »Komposition mit Figuren« wirken. Noch in der Nacht vor der Eröffnung steigert er die Wirkung durch das Bemalen gewisser Skulpturen. Giacometti erhält den Staatspreis für Skulptur entgegen seiner Hoffnung, mit dem Grossen Preis der Biennale als Maler und als Bildhauer ausgezeichnet zu werden.
Die Sommerwochen verbringt Giacometti in Stampa; seine 9ljährige Mutter verlässt das Haus nicht mehr. Hier entstehen ergreifende Bildniszeichnungen der Greisin.
Eine Reise nach London im Herbst gilt der geplanten Einzelausstellung in der Tate Gallery. Isabel, nun Mrs. Rawsthorne, macht ihn mit Francis Bacon bekannt.
Giacomettis Magenleiden veranlasst den aus Maloja stammenden Arzt Dr. Remo Ratti, der in Paris hospitiert, Giacometti im Oktober zu einer Röntgenunter­suchung zu drängen. Sie zeigt, dass ein lang­jähriges Magengeschwür sich zu einem Krebs-Tumor entwickelt hat.
In diesem Zustand nimmt Giacometti am 2. Dezember an der Eröffnung der Retrospektive im Kunsthaus Zürich teil, die von dessen Direktor René Wehrli und Bruno Giacometti eingerichtet ist. Mit 300 Werken aus 50 Jahren gibt sie eine Bilanz von Giacomettis künstlerischer Leistung.

1963
Am 6. Februar entfernt in Paris Dr. Leibovici vier Fünftel von Giacomettis Magen. Giacometti verbringt 14 Tage in der Klinik Rémy-de-Goncourt, erholt sich anschliessend im Hôtel Aiglon am Boulevard Raspail 232, und reist dann nach Stampa. Er besucht am 7. April in Mailand Michelangelos Pietà Rondanini.
Zurück in Paris, nimmt Giacometti nicht nur seine Arbeit wieder auf, sondern auch seine erschöpfenden Tages- und Nachtgewohnheiten und – trotz des chronischen Bronchialhustens – das unmässige Rauchen. Er weiss nun, dass die Operation einem Magenkrebs gegolten hat und erwartet mögliche weitere Krebserscheinungen, so dass für ihn jeder Tag und jedes Werk im Zeichen des bevorstehenden Todes stehen.
Im Februar und März zeigt die Phillips Collection in Washington eine Giacometti-Ausstellung mit 54Werken. Vom Juli bis September werden in der Galerie Beyeler in Basel die 143 Werke Giacomettis aus der Sammlung G. David Thompson ausgestellt und die Bemühungen um eine öffentliche schweizerische Giacometti-Stiftung eingeleitet.

1964
Die letzten Dezember- und die ersten Januarwochen verbringt Giacometti in Stampa. Am 25. Januar stirbt die Mutter Annetta Giacometti im Kreis ihrer Familie.
Im Pariser Atelier findet sich seit Ende 1963regelmässig ein neues Modell ein: Elie Lotar, dessen Karriere als Fotograf längst zu Ende ist. Mit ihm, mit Diego und mit Annette erarbeitet Giacometti den Stil seiner letzten Bildnisbüsten.
Als Giacometti in Jean-Paul Sartres Autobiographie Die Wörter die verfälschte Schilderung seines von ihm selbst so oft erzählten Unfalls von 1938 liest, bricht er den Kontakt mit dem Schriftsteller ab.
Im August bricht er die Beziehungen zur Galerie Maeght ab aus Solidarität mit Louis Clayeux, dem künstlerischen Direktor der Galerie, der bei der Eröffnungsfeier der Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence am 28. Juli ungerecht behandelt worden ist. Dieses von Josep Luis Sert in der Nähe von Nizza erbaute Museum enthält eine bedeutende Sammlung von Skulpturen, die Giacometti der Stiftung für die Gusskosten überlässt; im Gartenhof gruppiert und bemalt er die grossen, für die Chase Manhattan Plaza in New York entwickelten Figuren.
Vom 8. bis 11. September weilt Giacometti in London, wo die BBC ein später veröffentlichtes Interview mit David Sylvester aufnimmt.
Vom 12. September bis zum 1. Oktober malt und übermalt Giacometti in 18 Sitzungen immer wieder das Bildnis von James Lord, der elf der sich verändernden Zustände des Gemäldes fotografiert, die Gespräche aufzeichnet und beides in Alberto Giacometti. Ein Porträt veröffentlicht.
Im Oktober erweist eine Untersuchung im Kantonsspital Chur, dass sich kein weiteres Krebsleiden eingestellt hat, dass der Künstler aber im höchsten Grad an Erschöpfungszuständen leidet.

1965-1966
In den letzten Skulpturen nach Diego und Elie Lotar verstümmelt Giacometti die plastische Körperlichkeit der Büsten und erhebt die Köpfe zu visionärem Schauen. Die Zeichnungen zu dem Buchprojekt Paris ohne Ende werden zum Zeugnis seiner Pariser Existenz.
Es bleibt nicht verborgen, wie es um Giacomettis Gesundheit steht. Die Ausstellungen, die Ehrungen, die Publikationen und die Anfragen nach Begleittexten Giacomettis häufen sich.
Am 9. Juni beginnt im Museum of Modern Art in New York eine umfassende Ausstellung, die bis zum 10. Oktober dauert und anschliessend in Chicago, Los Angeles und San Francisco gezeigt wird. Am 17. Juli wird in der Londoner Tate Gallery die Retrospektive Alberto Giacometti: Sculpture, Paintings, Drawings 1913 - 1965 eröffnet. Er besucht diese Ausstellung ebenso wie die Retrospektive im Louisiana-Museum in Humlebaek bei Kopenhagen.
Im September drehen Ernst Scheidegger und Peter Münger in Stampa und Paris den Film Alberto Giacometti, in welchem der Künstler das Bildnis Jacques Dupins malt und sich beim Modellieren einer Büste aus dem Kopf mit dem Dichter unterhält.
Vom 1. bis 6. Oktober fährt Giacometti mit Annette sowie Pierre und Patricia Matisse auf der Queen Elizabeth nach New York. Er besucht mehrmals nicht nur seine Ausstellung im Museum of Modern Art, sondern auch zu nächtlicher Stunde die Chase Manhattan Plaza, wo er Annette, Gordon Bunshaft und James Lord an verschiedenen Standorten plaziert. Schliesslich meint er, mit einer einzigen, sechs bis acht Meter hohen Figur einer stehenden Frau der Situation gerecht werden zu können. Auf der Reise schreibt er den Text für eine Publikation seiner Zeichnungen nach Kunstwerken, die Luigi Carluccio 1967 veröffentlicht.
Am 20. November zeichnet der französische Staat Giacometti mit dem Grand Prix National des Arts aus. Ende November ist Giacometti in Bern, wo ihm die Universität am 28. November den Doktorgrad honoris causa verleiht und der Bundespräsident ihn mit einem Bankett ehrt.
Nach fünf Jahren Verhandlungen und einem Monat hektischer Ereignisse wird am 16. Dezember mit der Giacometti-Sammlung von G. David Thompson die Alberto Giacometti-Stiftung in Zürich gegründet, der der Künstler drei frühe Skulpturen, neun späte Gemälde und sechs eigens gemachte Zeichnungen schenkt.
Vom 2. bis 4. Dezember arbeitet Giacometti weiter an den Büsten Elie Lotars und an einem Gemälde Carolines. Am 5. Dezember verlässt er Paris mit dem Nachtzug und trifft am Vormittag des 6. Dezember in Chur ein. Nach einem kurzen Besuch bei seinem Vetter Renato Stampa begibt er sich ins Kantonsspital, wo der leitende Arzt N. G. Markoff ihm vorerst wegen der offensichtlichen Herz- und Kreislaufstörungen Sauerstoff zuführt und dann erneut die Krebsuntersuchungen vornimmt. Der negative Befund gibt Giacometti die Hoffnung und die Absicht ein, nach einer Ruhezeit nach Paris zurückkehren zu können. Zunächst findet er sich mit dem Spitaldasein ab, telefoniert mit seinen Freunden und wird von seinen Brüdern, von Annette und auch von Caroline besucht. Vor Weihnachten verschlechtert sich sein Zustand. Am 10. Januar 1966 ist eine Brustfellpunktion nötig. Giacometti verliert die Lust zum Arbeiten und den Willen zum Weiterleben. Am anderen Tag trifft Diego aus Paris ein. Als Giacometti alle Angehörigen, Annette, Diego, Bruno, seine Frau Odette und auch Caroline versammelt sieht, weiss er, wie es um ihn steht.
Am 11. Januar 1966 um 22.10 Uhr stirbt Alberto Giacometti im Kantonsspital Chur an einem entzündlichen Herzleiden im Zusam­menhang mit einer jahrelangen chronischen Bronchitis mit Bronchialerweiterung.
Am 12. Januar reist Diego mit dem Nachtzug für einen Tag nach Paris, um das eiskalte Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron anzuheizen, die Lappen um die Tonfigur Elie Lotars aufzutauen und diese letzte Büste in Gips abzuformen. Er wird das Bronzeexemplar, das er erbt, auf das Grab seines Bruders stellen. Am 15. Januar liegt Alberto Giacometti in seinem Atelier in Stampa aufgebahrt; sein Sarg wird durch die Winterlandschaft auf einem Pferdefuhrwerk gefolgt von einem langen Leichenzug zum Friedhof seines Geburtsort Borgonovo gefahren. Neben den Angehörigen erweisen ihm die Bevölkerung des Bergells, Vertreter der kantonalen und eidgenössischen Behörden und der französischen Regierung, Freunde aus der Schweiz und Paris und Museumsdirektoren und Kunsthändler aus der ganzen Welt die letzte Ehre.

Dieser Text bildet eine überarbeitete, stark gekürzte Version der «Daten und Zeugnisse» die Reinhold Hohl erstmals 1971 (S. 226-287) vorlegte. Auf Grund von Lords umfassender Monographie von 1985 wurden sie für den Katalog Berlin 1987 von Hohl und den Katalog Wien 1996 von Christoph Doswald erweitert; ihre umfangreichste Form erhielten sie als Buch von Hohl 1998. Gegenüber der im Ausst.Kat. Zürich 2001 (S. 281-288) abgedruckten Fassung wurden diverse Korrekturen und Präzisierungen aufgrund der inzwischen von Véronique Wiesinger an verschiedenen Orten publizierten Informationen aus dem der Forschung zuvor nicht zugänglichen Nachlass vorgenommen.

Portrait Giacometti

Portrait Alberto Giacometti (Fotograf unbekannt),
um 1962