Auf der Suche nach einer neuen Sehweise

Giacometti ist nicht beim geschlossenen Block des Kubus stehen geblieben. Wie bei der Suche nach einem eigenen Weg in der Jugend, befragt er sich 1935 in mehreren Selbstbildnissen. Jetzt interpretiert er auch den «Kubus» neu: auf die oberste Fläche graviert er sein Selbstportrait, auf der angrenzenden Seite deuten Linien das Atelier an, in dem der Kubus selbst zu sehen ist. Es ist der «Pavillon nocturne», wie Giacometti die Skulptur auch nannte, das Atelier des Künstlers und zugleich sein Kopf, der Raum seiner schöpferischen Vorstellung. Damit ist der Kubus wieder aufgebrochen, durchsichtig geworden auf das seiner selbst bewusste Leben. Diesem will Alberto in seinem weiteren Werk Ausdruck geben. Er sucht eine Kunst «existentieller Wirklichkeit» (Franz Meyer), oder, wie er selbst sagte, eine Form, um die «Totalität des Lebens» zu erfassen. Die metaphorisch funktionierenden surrealistischen «Objekte» konnten dies nicht leisten, sondern nur Werke, in die der Reichtum der sichtbaren, erlebbaren Wirklichkeit eingeflossen war. Und diese zeigte sich ihm primär in der Begegnung mit dem andern Menschen, in der Auseinandersetzung mit dem Modell.

So weiss Alberto genau, was er nicht mehr will, und in welche Richtung die Suche gehen soll. Aber wie eine Lösung zu finden wäre, ist ihm völlig unbekannt, und sicher auch, dass diese Odyssee zwölf Jahre dauern würde. In der ersten Phase knüpft er an die früheren Stilisierungsversuche an, wie die Selbstbildnis-Zeichnungen mit ihrem Bemühen, das Lebendige in einer Verbindung von organischer Belebtheit und geometrischer Formkraft zu fassen, verdeutlichen. Möglicherweise regt die grosse Cézanne-Ausstellung in Paris und Basel im Sommer 1936 zu einem grundsätzlicheren Neubeginn an: Alberto versucht nun, unmittelbar das «Gesehene» zu erfassen. Wie im Surrealismus soll also ein inneres Bild gezeigt werden, aber dieses ist nicht mehr eine traumhafte Fiktion, sondern die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Im Bildnis der Mutter von 1937 gelingt es ihm erstmals, diese innere Vision zu gestalten. Wesentlich schwieriger ist es, dies in der Skulptur zu erreichen. Er kehrt zur offenen Oberfläche Rodins zurück und beginnt zugleich den Prozess des «Verlernens»: die sich stets vor das Modell schiebenden altbekannten Formen aufzulösen und sich der fluktuierenden Unmittelbarkeit des lebenden Gegenübers auszusetzen. Je kleiner diese Köpfe werden, um so eher strahlen sie die gesuchte lebendige Energie aus. Diese Verkleinerung verschärft sich, als er eines Abends seine Freundin in weiter Ferne auf dem Boulevard Saint-Michel wahrnimmt und von ihrer vitalen Präsenz affiziert wird, unmittelbar, noch bevor er Einzelheiten erkennen kann. Die Person ist im Verhältnis zum Gesichtsfeld erst ganz klein zu sehen: übergrosse Sockel sollen Massstab und Distanz verdeutlichen. Bis 1946 bleibt Giacometti im Bann dieser Mikroskulpturen und der Unmöglichkeit, in der Plastik das plötzliche Erscheinen eines Menschen in der Ferne zu erfassen.

In diese Zeit fallen persönliche Erlebnisse, die tiefe Spuren in Giacomettis Werk hinterlassen. 1938 wird er von einem Auto angefahren und sein Fuss beschädigt; der anschliessende Spitalaufenthalt 1938 wird ihn zum Wagen inspirieren. 1940 flieht er vor den heranrückenden Deutschen; der Schock der Bombardierung des Flüchtlingszuges, der abgerissene Arm eines Opfers klingen in Die Hand und anderen Skulpturen von Körperfragmenten nach. Diese Werke werden erst nach dem Krieg, den er in Genf überlebt, entstehen und ihm helfen, zu lebensgrossen Figurationen und der expressiv zerklüfteten Oberfläche zu finden. Doch erst das merkwürdig überdeutliche, visionsartige Wahrnehmen der Wirklichkeit, der Tod eines Nachbarn und erschreckende Träume führen 1946 zum Durchbruch. Albert Skira fordert ihn auf, diese Erlebnisse für seine Zeitschrift Labyrinthe zu formulieren; Le rêve, le sphinx et la mort de T. wird zum wichtigsten, auch allgemein literaturhistorisch bedeutsamen Text von Giacometti, in dem er zugleich das traumatische Erlebnis des plötzlichen Todes eines Reisegefährten 1921 zu verarbeiten vermag.

Giacometti Autoportrait

Autoportrait (Selbstbildnis), 1935/37

Bleistift, 49 x 31,2 cm

Giacometti La mere de lartiste

La mère de l’artiste (Die Mutter des Künstlers), 1937

Öl, 60 x 50 cm

Giacometti Petite figurine sur double socle

Petite figurine sur double socle (Kleine Figur auf doppeltem Sockel), um 1939/45

Gips, Höhe 9,5 cm

Geschenk Hans C. und Elisabeth Bechtler

Giacometti La Main

La main (Die Hand), 1947

Gips bemalt, Höhe 65,5 cm

Giacometti TĂȘte sur tige

TĂȘte sur tige (Kopf auf Stab), 1947

Gips bemalt, Höhe 50 cm

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